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  • Anna Henschel

Bahnhof, oder: irgendwo dazwischen



Das Ende der Reise beginnt mit einem selbst entworfenen wie hergestellten Flugdrachen, den ich an guten Windbedingungen teste und mich den kleinen Hügel herabgleiten lasse. Geht zwar nicht so gut wie beim letzten Mal, als ich über die Dreisam flog, aber dafür scheint die Sonne. Wenig später sitze ich auf einem Hocker vor einem Bildschirm im Freien und halte ein Schwätzchen mit Rado, der mich in meinem 'Büro' besucht. Leider sitzen zum gleichen Zeitpunkt alle Chefs in einem Raum aus Glas und bekommen uneingeschränkt alles mit, was ihre Mitarbeiter machen und wie sie ihre Zeit nutzen. Schwätzchen halten ist unerwünscht, nach einer lächerlich kurzen Weile kommt auch schon eine angerauscht und macht mich mit Bedauern und Scham im Grunde ihres Herzens darauf aufmerksam, dass dafür festgelegte Pausen vorgesehen sind...

In Wirklichkeit, dem 28. Januar 2019, sitze ich in einer Hallenbad-Cafeteria bei Valencia und spiele mit der Komposition einer geeigneten Coda für unsere g-schichten. Wie erzählt man das Ende einer Geschichte, das der Planung nach eigentlich bereits Mitte Dezember hätte geschrieben werden sollen, zum gegebenen Zeitpunkt, während diese Zeilen entstehen, aber irgendwie nicht erzählt werden will, weil die Qualität noch nicht ganz stimmt. Die Protagonisten können kaum begreifen, dass die Lichter angehen und der Nachspann zum Film schon läuft, der eh schon Überlänge hat. Wir bleiben noch ein wenig ratlos sitzen und lassen das mal einwirken.

Nun kann man natürlich einwenden, es gibt keinen geeigneten Zeitpunkt für das Ende einer Reise, und auch kein Drehbuch, das alle Beteiligten gleichermaßen mit einer guten Erinnerung ausstattet, und am besten auch alle unkontrollierbaren Bedingungen rausstreicht, sodass man auf die Frage “Na, wie war's” uneingeschränkt sagen konnte: "Überragend! Gleich morgen geht's weiter”! Idealerweise kommt man zurück, wenn man zurückkommen will und nicht zurückkommen muss. Genau diese beiden Kriterien geben derzeit Anlass zu emotionalen wie rationalen Auseinandersetzungen, je nach meiner oder Christians Perspektive. Wir müssen spätestens Ende Februar zurück, weil Chrissie ein Vorstellungsgespräch für einen vielversprechenden Job vereinbart hat. In der Zwischenzeit will ich immer wieder nach Hause, weil vieles dafür spricht u.a. weil sich jeder weitere Tag mehr und mehr nach künstlicher Lebensverlängerung anfühlt und ich gelernt habe, nichts zu erzwingen. Zudem vollziehen die Raupen des Prozessionsspinners in wenigen Tagen ihren neuen Zyklus ihrer gefährlichen Wanderung. Man sollte die Zeichen der Umstände ernst nehmen.





Wem dieses Schwadronieren und Sezieren von Situationen irgendwie bekannt vorkommt: meine Gedanken werden gerade geformt durch die Bekanntschaft mit Heinrich Böll. In seinen Erzählungen wird viel über eine scheinbar recht simple Situation siniert. Böll malträtiert die Geschichten von allen Seiten so lange, bis alle Blickwinkel vor einem liegen und man erstaunt ist, wieviel man aus wenig machen bzw. wie sehr man sich in etwas hineinsteigern kann! Vielleicht ist jemandem aufgefallen, dass ich genau diesen ausgefuchsten Kunstgriff bereits in den vergangenen Blogs angewendet habe, um zu kaschieren, dass wir außer Klettern, Wandern, Yoga, Schreiben und mit Leuten plaudern nicht viel machen. An dieser Stelle sei angemerkt, dass in einem gemeinen deutschen Alltag auch nicht viel mehr passiert, nur anders. Auch hier hat sich ein weiterer Knackpunkt quasi wieder von selbst ergeben, denn während ich der Wiederaufnahme dieser Routine zwischen Beruf, Familie, Freunde, Haushalt und Sport inzwischen durchaus was abgewinnen kann, weil sie für mich viel mit Abwechslung zu tun hat, graut es Chrissie davor, sodass wir nun von Tag zu Tag entscheiden, wann wir nach Hause fahren, je nach Fügung, Schicksal und der Lautstärke und Tonfall der inneren Stimme. Noch kann man also schreiben: alles kann, nichts muss.

So hätten beispielsweise die Nächte der ersten Woche nach Aufbruch aus Monas Haus auch mal wärmer sein können. Dann hätten wir uns nicht schon kurz vor Sonnenuntergang ins Auto setzen müssen, um dort dann bereits um 4 Uhr früh ausgeschlafen zu sein und auszuharren, bis die Sonne sich erbarmt, mal hinterm Hügel hervorzukriechen.




Chrissies Finger hätten auch mal durchhalten können bis zum gewollten Ende der Reise, anstatt sich von der Kälte am Fels reizen zu lassen und nun die Waage auf der Seite zu beschweren, auf der das “Muss” immer schwerer wiegt.

Das unschlagbare an dieser Reise ist aber tatsachlich die Möglichkeit, einfach irgendwo anders hinzufahren: wenn es zu kalt ist, wenn man traurig ist, wenn einem langweilig ist, wenn man Tapetenwechsel braucht.




Daher waren wir nun für eine Woche am Meer in Gandia hinter den Dünen gewesen, wo sich monatelang Erinnerungen mit der Gegenwart mischten, die es dort so eigentlich nicht gibt. Der Strandabschnitt ist in der Vergangenheit versunken und hat sämtliche Immobilien mit sich gerissen, die dort sowas wie eine Küstensiedlung bilden, nur ohne Siedler, wie eine Kulisse ohne Schauspieler.



Aber das menschliche Theater bahnt sich immer seinen Weg, und so gibt es einige Menschen, die sich direkt hinter einer Düne teilweise dauerhaft, teils temporär in ihren Campern angesiedelt haben, wobei jede Caravan-Messe einpacken kann, wenn man sieht, was da so an Ausgebautem steht: scheinbar unzerstörbare LKWs vom Katastrophenschutz NRW oder gar ein kompletter Schulbus, beide ca. aus den 40er Jahren des alten Jahrhunderts, aber von futuristischer Langlebigkeit.



Wer macht sowas? Man kann den Eindruck bekommen, es handle sich um ein Sanatorium für Minimalisten, Geringverdiener, Gebrechliche, Aussteiger oder solche die den D-Exit erstmal hinter der Düne testen, aber auch mittelalte Belgier, junggebliebene Holländer und alterslose Rheinländer auf “Alternativ-Erlebnis-Urlaub”, die nicht fassen können, dass wir ohne Fernseher unterwegs sind, aber durchaus Verständnis zeigen, wenn wir das Angebot, ihre restliche “Punica” zu trinken, dankend und innerlich lachkrampfend ausschlagen, schließlich “muss man davon immer so viel pinkeln”. Man muss aber keiner der genannten Gruppen angehören, um sich da wohl zu fühlen, man darf jederzeit überall auf ein Bierchen oder Weinchen oder Plausch vorbeikommen.



Jeder kann, niemand muss. Marianne hat die Gelegenheit genutzt und uns angesprochen, weil wir auch aus Freiburg kommen und man tatsächlich Freiburger in der Gegend um die Jahreszeit nicht besonders häufig trifft. Sie ist aus der Gruppe der gebrechlichen mittelalten Urlauber und mit ihrem Mann unterwegs. Die Kur am Meer tut ihr gut und lenkt sie von der Tatsache ab, dass sie ihren OP-Termin für ihren Gleitwirbel hat sausen lassen. Den Ausstieg aus dem Gesellschaftsabkommen hat sie schon früher aufgegeben, zu sehr ist sie mit ihrer Heimat verbunden. Kann ich gut verstehen: Lieber ein neues Leben in alter Umgebung als alter Wein in neuen Schläuchen.

Derzeit befinden wir uns in einem Zwischenraum: nicht mehr richtig auf Reise, zu Hause noch nicht angekommen, es fühlt sich ein wenig an wie ein Bahnhof. Eine Durchgangsstation, physisch wie psychisch, alles bewegt sich gerade mit der Kraft einer Brandung. Diese Entwicklung ist schmerzhaft, aber mit der Gewissheit verbunden, dass sie einem guten Zweck dient. Daher sind wir umso achtsamer und lauschen vielleicht ein wenig mehr, was uns die Wellen sagen.

In diesem Sinne wünschen wir vor allem unseren Freunden, für die das Jahr mit unerwarteten Einschlägen begonnen hat viel Kraft, ein wachsames inneres Ohr und viel Geduld, vor allem mit sich selbst.


Bis sehr bald, da derzeit bereits auf dem Weg Richtung Norden, aber immerhin noch in Valencia



Anna & Chrissie

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