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  • Anna Henschel

Die Weisheit der Stille

Am Ende der letzten Tage konnte ich mich nicht mehr an deren Anfang erinnern, weil sie keinen hatten. Im Grunde hatten sie auch kein Ende. Das bedeutet, man konnte noch nicht einmal davon sprechen, dass es sich um klassische Tage handelte, die wir Menschen mit 24 Stunden bemessen. Es war eine Periode, in der ich viel tat und doch den Eindruck hatte, nicht von der Stelle zu kommen.

Danach verbrachte ich exakt 2,5 Tage im Schweigen in den Bergen, in denen viel mehr passiert ist, als in der zeitlosen Zeit davor, obwohl ich nicht viel gemacht habe außer in einer Gemeinschaft von mehr als 60 fremden Menschen von 6 bis 21 Uhr zu meditieren, sitzend und gehend abwechselnd. Für das Essen mussten wir die Finger höchstens krumm machen, um die Gabel halten zu können. Und am Ende des Tagesprogramms fielen alle ermüdet von der Arbeit an sich selbst schwerfällig oder leichtfüßig ins Bett, je nach dem.




An diesem Ort gibt es keine Touristen, keine körperliche Anstrengung, denn die geistige nimmt das ganze Bewusstsein in Anspruch. Menschliche Geräusche weichen dem Konzert der Umgebung, das die Natur in leisen Tönen spielt.

Es ist ein magischer Ort, an dem sich offenbart, dass Berge sich durch die Kraft von Licht und Schatten bewegen, an dem deutlich wird, dass nichts wird und nichts war, sondern alles nur ist. Das innere Leben wirft Licht und Schatten, es rast in Gedanken und verweilt im Moment, und manchmal, ganz unverhofft, nimmt es sich ein Beispiel am Vogel, der nach Zweigen sucht, um in Ruhe und bedacht sein Nest zu bauen.

In dieser Wirklichkeit und Stille erobern Lebewesen den Raum, die viel kleiner und weiser sind als wir, weil sie wissen, dass nichts war, nichts sein wird, sondern alles nur ist. Und so tun sie, was zu tun ist, um zu leben - ohne die Grundlage zu zerstören, die sie nährt, sie sind eins mit der Welt, sie werden geboren, sterben und gehen wieder in den Kreislauf über.

Die einzigen, die das nicht verstehen, sind die scheinbar intelligentesten Wesen der Welt, nämlich wir.

Und so bin ich dankbar für diese Erfahrung der klaren wie einfachen Einsicht in dieses wunderbare Prinzip der Lebens, das sich so leicht begreifen lässt: wenn wir innehalten, unser Bewusstsein nach innen richten und vom großen weißen Rauschen abkoppeln, das wir selbst erschaffen, das uns taub macht und mit dem wir uns schließlich abschaffen.

Wie gut, dass es noch solche Orte gibt - auch zum Mitnehmen in einem selbst.

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