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  • Anna Henschel

Klettern, Thesen, Temperamente - Val Pennavaire, Italien


"Apostroph-Wolke"

Es ist Sonntag. Sonntag ist derzeit bei uns strategischer Ruhetag, denn hier in Oltrefinale, wo das Wetter derzeit perfekte Kletterkonditionen bietet, herrscht Hochbetrieb. Die Schweizer haben Ferien, die Franzosen auch und die Italiener haben Wochenende. Unser beschaulicher Kirchplatz in Verano sieht aus, wie man sich vielleicht das Mount Everest Basecamp 1 vorstellt, nur dass in Nepal die Zelte überwiegen und es keine Kinder gibt, die verzweifelt versuchen, ihre Schnüffelhunde wieder unter Kontrolle zu bekommen. Zu dieser Jahreszeit bricht also an einem Ort, an dem die Landflucht schon fast old school ist, der Kampf um die besten Plätze aus und wir ärgern uns über uns selbst über unsere tief sitzende Spießigkeit, die uns zum Entsetzen darüber antreibt, wie Leute dazu kommen, sich auf unseren Stammplatz zu stellen, wo wir doch offensichtlich Siedlungsspuren mit nachhaltiger Absicht hinterlassen haben. Dabei war es das erste mal seit einer Woche, dass wir das Auto überhaupt bewegt haben! Aus Angst vor feindlicher Übernahme unserer 5 Quadratmeter lassen wir Alberto nämlich in der Regel stehen wo er sich schon seit 4 Wochen am wohlsten fühlt und laufen alle Klettersektoren zu Fuß an. Das schont Umwelt, Nerven, Ressourcen und fördert die Gesundheit, um die vordergründigen Aspekte zu nennen, mit denen wir unser etwas merkwürdig anmutendes Verhalten erklären. Außerdem müssen wir derzeit ohnehin jedes Körnchen Kraft und Aufmerksamkeit für das Projekt bündeln, die uns beschäftigt, seit dem wir das erste mal drin waren: die sagenumwobene, viel beachtete, oft bekletterte, bisher nie erreichte Yerba Mate!

Das Objekt der Begierde - Yerba Mate


Hierbei handelt es sich um eine 30m lange 7b. Sie beginnt recht geschmeidig auf einer angenehmen Platte, geht nach den ersten 10 Metern an einem (nassen) Sinter in den Überhang und verzeiht einem auf den nächsten 10 Metern keinen einzigen Fehler. Jeder Zug muss sitzen. Unbeschadet ist man danach aber ohnehin nicht, denn auf den restlichen 10 Metern muss man noch die restlichen 10% an Ausdauer aufbringen, die sich irgendwo noch im Körper verstecken und sich nur im Notfall mobilisieren lassen. Hätte mir jemand nach dem ersten Versuch in dieser Saison gesagt, dass ich diese Sehnsuchtsroute im 6. Versuch durchsteige, dass ausgerechnet dieses Brett meine erste 7b wird, hätte ich sie vermutlich nicht geschafft, denn beim letzten Versuch hatte ich 0 Erwartung, und das ist die beste Voraussetzung, um sich selbst zu übertreffen. Lediglich die Strategie hatte ich ein wenig geändert und war den Empfehlungen des Bodenpersonals gefolgt, einfach mal ein wenig mehr Stoff zu geben und zwischendrin nicht so viel Arme auszuschütteln. Und siehe da - jetzt sitze ich im Cadana auf meinen Loorbeeren, aber nur bis morgen, denn dann ist das Wochenende vorbei, wir müssen uns nicht um die beliebten Routen prügeln und Chrissie hat wieder genug Energie, um diese Perle zu ernten, eher können wir hier nicht weg - also drückt die Daumen, damit wir nächste Woche frisch motiviert durch das Kraftfutter des Erfolgs nach Spanien aufbrechen können.


Chrissie in der "Mirra", 7a+. Ein Bild von der "Yerba Mate" gibt es leider nicht :(

Im Grunde was mein vorläufiges und Chrissies künftiges Highlight der letzten beiden Wochen, die wir im Großen und Ganzen an der Wand verbracht haben, mit Ausnahme einer kleinen Sintflut zwischendrin und stürmischen Windattacken aus Nord, die irgendwann derart genervt haben, dass wir uns in eine Sandburg zurückgezogen haben.



Auch wir brauchen nämlich ab und zu mal Urlaub, den wir stundenweise an unserem Schloss am Strand verbringen. Das Meer ist noch warm, und die Luft ohne Wind auch, das Salz macht schuppige Haut, die Sonne brennt als hätte sie das nahende Jahresende nicht mitbekommen. Wir erkennen es auch nur, weil die Konditionen besser werden (je kühler es an der Wand ist, desto besser für den Halt) und wir am Fels deshalb alle etwas näher rücken müssen. Dafür hat man am Strand ewig viel Platz, denn die Deutschen sind vermutlich trotz Rotzwetter auf Mallorca und den Italienern ist es im Oktober zu kalt, auch wenn die Temperaturen sommerlich sind.







Dass am Fels High Tide ist, hat aber auch sein Gutes, denn nach wie vor ist es eine Herausforderung, die Zeit zu zweit 24/7 zu verbringen - egal ob als Eheleute, Freunde oder Kletterpartner. Wir sind alles in allem, das macht es aber nicht einfacher. Daher freuen wir uns immer wieder über Besuche von Freunden und über Bekanntschaften mit Fremden, die nicht nur als Kletterpartner taugen, sondern wie im letzten Fall auch das Potenzial für Freunde haben, zumal zwischen Basel und Freiburg viel Gestaltungspotenzial steckt.

Spätestens an dieser Stelle dürfte der Eintruck entstehen, dass unser Hirn nur noch aus Bizeps-Zellen besteht und wir nicht mehr in der Lage sind, über den Felsrand hinauszudenken. Solange wir aber Leuten aus dem “Tal der Ahnungslosen” begegnen, sind wir vor dem kulturellen und humoristischen Verfall sicher. Wer Waldorf und Statler schätzt, die beiden Alten von der Muppetshow auf dem Empore, hätte Fube und Wabi (die Namen wurden von Redaktion bis ins Unkenntliche entstellt) geliebt.


Waldorf & Statler

Der Vorhang fiel täglich irgendwann zwischen 17 und 18 Uhr als sie ihre trainierten Körper in die Klappstühle fallen und den Tag Revue passieren ließen: “Der Spacken hat den ganzen Tag diese wunderschöne Route blockiert, da hatt ich dann echt keinen Bock mehr, Alter, dann hab ich den Berserker-Mode angemacht und mich in was Härteres reingeschnallt.” Überhaupt muss man viel Humor haben, wenn man 2 Meter misst und abnehmbare Extremitäten bräuchte, um in den kleinen schwarzen Wagen zu passen, in dem die beiden unterwegs waren. Da bleibt einem ohne Zelt nichts anderes übrig als Nacht für Nacht auf dem harten Betonenden unter dem Wellblechdach zu schlafen, das eines Nachts auch nichts mehr ausrichten konnte, als die Sintflut hereinbrach und sie bis zum Morgengrauen eingefaltet im Auto auf besseres Wetter warten mussten.


Klo unter Wasser. Aus dem Loch hinten an der Wand strömte ein Bach raus.

Eine Gesprächsbrücke zu bauen, fällt Menschen aus dem Osten nicht schwer, die Statik ist mit einer Einladung zu einem Schnaps aus dem Hause Piepiorka sowieso gewährleistet, zumal Fube im 2-Min-Takt erkennen ließ, wie sehr es ihn nach Hochprozentigem dürstet. So erschloss sich im Verlauf eines überraschend intellektuellen Abends die erstaunliche Begabung und Beobachtungsgabe unserer Nachbarn, mit der sie ihr soziales Umfeld sezieren.


Politik und Gesellschaft



Plauderlaune wäre da wohl maßlos untertrieben für die Weitsicht und Differenziertheit, mit der Fube, studierter Archäologe, der moderne Indiana Jones, der sich mit dem Bau von Spielplätzen erfolgreich selbstständig gemacht hat, unsere Welt zerlegt. Vielem konnte man nur zustimmen, und ihn in seinem unerschütterlichen Idealismus bedauern, denn die Menschen sind nur bedingt eines besseren belehrbar. Am Ende waren auch wir nicht die Gesprächspartner, die eine überzeugende Geschichte hätten erzählen können, in der wir es in etwa geschafft hätten, einen Ausweg aus dem Turbokapitalismus zu finden, ohne radikale Abkehr von der Gesellschaft, in der wir leben. Oder wie man Denkfaule dazu bewegen konnte, “lediglich ein wenig Zeit und Wissen in die Hand zu nehmen”, um ihr Wahlverhalten zu ändern. Das hatten wir wohl auch nicht mit vereinten Kräften beim Nachbarn aus Dresden nicht geschafft, dem “netten Familienvater, den niemand zum Nachbarn haben will”, wie es Fube formulierte. Dabei war er so bezaubernd zu seiner Tochter, der er erklärte, sie möge doch die Tiere in Ruhe lassen, schließlich sei sie nur zu Besuch da und die Tiere würden hier wohnen. Ist das nicht eine lobenswerte Haltung? Wenn man weiß, dass der Mann auf AfD steht und Neonazis zujubelt, kann man die Ermahnung seiner Tochter im Vexierbild sehen: Ausländer, lasst doch die Deutschen in Ruhe, ihr seid nur zu Besuch da. “Ein Wolf im Schafspelz”, sagt Fube. Oder halt beides. Ist alles ein bisschen komplexer als Wolf oder Schaf, als schwarz oder weiß.


Die Regeln am Fels


Da lob ich mir die Klarheit der Regeln am Fels. Eine davon besagt: Die Route wird nicht von Oben eingehängt, sondern immer schön von unten begangen. Wenn da einer quer schießt, ich schlecht geschlafen habe und der Wandfuß ohnehin mit unaufhörlich redenden Leuten überfüllt ist, dann ist der Berserker-Mode schon als Kurzwahl vorprogrammiert, da muss man nur noch den Startknopf drücken und schon geht die Rakete nach oben los: “Ey Mann, das ist nicht legitim, die kannst du doch nicht von oben besetzen: das ist nicht fair!!! Das macht man nicht!!!” Meine Eltern wären stolz auf mich, der Russe gab kleinlaut bei, tat aber so, als hatte er nicht gewusst, dass da andere Leute auch noch reinwollen. Die Freude über den Sieg am Wandfuß war jedoch nur vorläufig, denn den Kampf mit der Route habe ich verloren. Dennoch, erhobenen Hauptes überließen wir ihm nach unserem Versuch großzügig das Feld, mit unserem Material in der Wand, das er zum Dank 1,5 Stunden lang malträtierte, um am Ende runterzukommen und so zu tun, als wäre er nicht jeweils 30 Minuten über Schlüsselstellen verzweifelt. Inzwischen waren wir zur Salzsäule erstarrt, der Nordwind blies erbarmungslos, an diesem Tag ging nicht mehr viel.

Das ist aber auch schon zwei Wochen her, die Wunden sind geleckt - und wir bereit für neue.


Bis bald,

Anna & Chrissie

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