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  • Anna Henschel

Panorama, Woche 11 + 12, Pustertal, Südtirol


Blick vom Gipfel des "Helm", 2434. War mit knapp 1300 Höhenmetern und mehr als 20 Kilometern die wohl längste Wanderung, die wir bisher gemacht haben

Vorneweg: Im Pustertal gibt es keine Prozessionsspinner. Hier gibt es auch keine Zekarien, zumindest nicht im Schwimmbad, in dem wir Dank Gabriel, unserem lokalen Ombudsmann kostenlos schwimmen, rutschen und duschen können.

Überhaupt ist Gabriel eigentlich unser Hauptprotagonist der Woche, denn ihm verdanken wir nicht nur unseren erträglichen Körpergeruch, sondern vermutlich auch einen Großteil des ehelichen Friedens, weil wir in einem privaten Gehege untergebracht sind, das er an Thomas, einen Bauern, verpachtet.


Unser Gehege in Innichen

Dort ist es friedlich, die Touristen gehen in sicherem Abstand vorbei und grüßen allenfalls aus der Entfernung, obwohl wir rech zutraulich sind. Thomas hält dort zwei verschmuste Kühe, Safira und Stevia, beide trächtig und treu, jeden morgen kommen sie für eine Streicheleinheit an den Zaun, jeden Morgen geht mir dabei das Herz auf.


v.l.: Stevia und Safira

Am meisten jedoch freuen sie sich über Thomas am Abend. Bei seinem Anblick und der Aussicht auf das Kraftfutter, das er mit sich bringt, verlieren sie förmlich den Verstand und fahren 2 Meter über dem Boden aus dem Fell, als hätte Thomas beim Rodeo gewettet. Weniger treu, dafür nicht weniger verschmust ist die Katze, die uns egelmäßig bespaßt und die Milch dezimiert, sich danach bräsig und miauend in unser Bett legt und gekrault werden will. Die Betriebszeiten der Bus-Rutsche hat sie noch nicht verinnerlicht, nicht selten fährt sie mitten in der Nacht hemmungslos auf allen Vieren die Windschutzscheibe runter.

Aber wie konnte man diesem Tier auch nur im Geringsten einen Vorwurf machen, sie kann tun und lassen was sie will, Milch und Liebe sind ihr Gewiss.



Und wir? Verlassen uns auf Gabriel. Er hegt und pflegt uns und umsorgt uns mit allem, was der berg-, fels und lufthungrige Mensch braucht, davor wie danach - Wanderkarten, Bier, gutes Wetter, Südtiroler Mundart, Aperol Spritz, noch ein Spritz und Geschichten aus der Region, in der er bereits in sechster Generation lebt.

Als einheimischer Bergmensch weiß er, dass der Berg atmet, wann er spuckt, kennt jeden Mensch und jeden Stein, als Touristenmanager jongliert er Innichens 7000 Tagestouristen im August durch den Urlaubszirkus, wird immer wieder an die Herausforderung erinnert, die Interessen von Menschen unter einen Hut zu bringen, die einerseits von dieser Region leben, gerne ihr Ruhe haben und die andererseits das Kapital darstellen, die Touristen. Und so ist Wertschöpfung das große Zauberwort, das in jedem zweiten Satz fällt, weil Bergromantik und Atmosphäre eben auch geschliffen und gehobelt werden müssen - auf das Haunoldköpfle steigt kaum einer, ist zu weit, zu wild, der gemeine italienische Tagestourist schaut ihn sich lieber von unten an, zusammen mit all den anderen sardinenhaft zusammengeschobenen Italienern, die gerade ihr drittes Spritz serviert bekommen, es ist noch nicht mal 12 mittags, aber die Birne schon voll wie die Einkaufstüte von Senfter, dem 5. größten Fleischproduzenten Europas, bevor das Unternehmen für Schweinegeld an jemanden verkauft wurde, der sicher auch kein einziges Mal auf dem Haunold war. Ist auch nicht für jeden was, in den Höhenlagen kann man kann dem Berg beim Atmen zuschauen und zumindest das Echo bestaunen, das die zahlreichen Gerölllawinen in den letzten Jahren hinterlassen haben.


Blick vom Haunoldköpfle, Hausberg von Innichen, 2169 m


Wanderung vom Haunoldköpfle ins Tal, unweit der Drei-Schuster-Hütte

Eines der zahlreichen Geröllfelder entlang des Wanderwegs

Alles bewegt sich, wo früher grüne Almen leuchteten blenden jetzt hellgraue Schneisen aus Gesteinsbrocken und man fühlt sich klein, erbebt vor Ehrfurcht angesichts solcher Naturgewalten und staunt über Solche wie den heiteren wie herzlichen Automechaniker von der Esso-Tankstelle, der in diesen Höhen 15 Jahre lang aufgewachsen, für alle weiteren Jahre seines Lebens ein paar Höhenmeter weiter nach unten ins Dorf gezogen war und nun noch bis September spontan und ohne großen Aufwand Autoreifen für verzweifelte Bulli-Besitzer wie uns wechselt. Danach endlich Lebensabend, vielleicht wieder auf einer Alm? Die Dreis-Schuster-Hütte, in der er geboren ist, steht noch.

Man merkt, die Distanz zwischen “den Touristen” und “‘uns” hat sich verfestigt. Ist auch recht chefig, so zu tun, als wären die Kühe unsere, der Platz unser Grundstück und Gabriel unser Privatberater und als würden wir die Natur hier mehr verdienen, weil wir sie nutzen, wie es sich gehört, weil wir ganz einfach und herzlich mit den Einheimischen in Kontakt kommen, weil wir auf Gabriel und auch Anne Bezug nehmen können, die hier vor einigen Jahren für einige Jahre mit Gabriel lebte und ihr guter Eindruck auch auf ihre Freunde abzufärben scheint. Gabriels Aura färbt in jeden Fall ab, unter seiner einflussreichen Obhut sind wir Einheimische auf Zeit, d.h. Heimvorteil in jeder Hinsicht.

Die meisten Touristen sind Italiener und kommen zum Flanieren her, einmal, zweimal durchs Dorf, jeden Tag, in schicker Klamotte und mit dicker Brieftasche, sie wollen Konsum erleben und Erlebniskonsum, morgens, mittags, abends - für jeden sollte was dabei sein, wenigstens im August, denn der Winter hier ist streng und lang, Winterurlaub kann sich selbst die gutverdienende Mittelschicht nicht leisten. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr wundere ich mich über meine Aversion. Das kann man durchaus so machen, wenn man es so will. Konsum kann auch auf überfülltem Raum Spaß machen.

Und wer sich uns nun vorstellt, wie wir ausgezehrt mit sonnengegerbter Haut und tiefsitzendem Dreck unter den Nägeln im Graben zwischen Wildnis und Gesellschaft leben, der hat nicht ganz unrecht, irrt aber in Bezug auf mein tief sitzendes Bedürfnis nach Kultur. Die Befriedigung dieses Verlangens nach menschengemachter Ästhetik haben wir ebenfalls Gabriel zu verdanken, der uns zwei Freikarten für ein Streichkonzert des Haydn Orchesters von Bozen und Trient in der Stiftskirche in Innichen beschert hat. In letzter Sekunde konnte ich meinen geliebten Kulturbanausen noch überreden, etwas Einzigartiges zu erleben statt Routine zu betreiben und so erlebten wir einen bewegenden Abend mit einem großartigen Ensemble mit Daniele Giorgi an der Spitze als Dirigent. Das war eine Atmosphäre wie Weihnachten im Sommer, obwohl der Passionszyklus von Haydn aus dem Jahre 1787 “Sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuz” eher zu Karfreitag passt. Chrissie entpuppte sich als äußerst aufmerksamer Zuhörer, und während ich mich von den Streichern streicheln und peitschen ließ, zeigte Chrissie, der alte Schelm, immer wieder mit dem Finger ins Programmheft, in dem die Musik in Sprache “übersetzt” stand. Wer also nichts mit dem Klang anfangen konnte, muss sich mit Formulierungen wie der folgenden zum letzten Zyklus “Erdbeben” weiterbeholfen oder heiter die Zeit vertrieben haben:


“Haydn hat die Absicht, seine Zuhörer zu erschüttern und zugleich zu läutern, mit den krassesten denkbaren Mitteln erreicht. Das Erdbeben sprengt gleichsam die Form und wirkt umso erschütternder, als hier der Sublimierung des Leids in den sieben Sonaten naturalistische Klangeffekte und dynamische Exzesse gegenübergestellt werden.”


Ja, war schon gewaltig, würde ich sagen.

We meint, das war das Highlight aller Highlights, der irrt, weil der Abend bei und mit Gabriel auf der Alm noch bevorstand, mit weiteren Tieren in den Nebenrollen, tot als Salami und Speck, lebendig in Form von Frida und Frida, zwei Eselinnen, von denen beide gleich heißen, sonst ist Frida, die anders heißen sollte, beleidigt.


v.l.: Frida, Frida


Dieser Abend lasst sich nicht erzählen, sondern nur bis ans Lebensende erinnern und in der Erinnerung mit denen teilen, die dabei waren. Die Geschichten über Regenrinnen und andere architektonische Herausforderungen, über die sich Gabriels Vater und sein Freund Hans-Jörg regelmäßig und jahrelang beim Hock auf der Hütte den Kopf zermartern, bis sie dann doch wieder verworfen werden, haben unser Zwerchfell nachhaltig geschädigt.


Der beste Gabriel von allen

Wie wir uns bei Gabriel für all das bedanken können, wissen wir noch nicht, aber sollte er eines Tages als Bürgermeister von Innichen kandidieren, schreiben wir das Programmheft zum Wahl-Passionszyklus und spendieren ein Spritz. Mindestens.




Pfiateng und bis bald,

Anna & Christian

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