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  • Anna Henschel

Panorama, Woche 4, Val Durance, Hautes-Alpes, Frankreich



Gegend um Queyras, bei Celliac



Der Aufenthalt in den Hochalpen hat sich als ideale Sommerresidenz etabliert.

Den See in Eygliers teilen wir nur an einem Tag der Woche mit anderen Menschen, dann kommt es gar vor, dass man noch am späten Abend von einer Horde 4-jähriger hungriger Franzosen angefallen und verspeist wird, angelockt von der magischen, einnehmenden Bläser-Jam-Session ihrer Eltern. Ansonsten genießen wir das tägliche Bad am Morgen auf spiegelglatter Wasseroberfläche, umgeben von einer Sinfonie der Stille, hin und wieder unterbrochen vom Solo eines lokalen Laubbläsers. Das Wasser erdet für den Tag und lässt den Körper am Fels besser schwingen.


"Le Lac" in Eygliers




Der Besuch von den Büchners mit energieüberladenem Kind und buddhaesken Baby hat uns ein heiteres Spektrum an Familienleben mit Festcharakter beschert und die Aufmerksamkeit ein paar Tage vom Klettern weggelenkt.


Der Fels: Saat und Ernte


Die Kletterei steht nun schon seit 4 Wochen im Zentrum der Tagesgestaltung, was mich persönlich doch überrascht, denn eigentlich kenne ich mich eher mit Sehnsucht nach Abwechslung. Die kontinuierliche Leistungssteigerung motiviert jedoch dranzubleiben und den Fluss nicht abreißen zu lassen. Wie ein weiser Mann aus dem Donautal sehr treffend sagte, sind die Routen nicht immer “erntereif”, manche Felder müssen erst einmal bestellt werden, einige Sektoren sind so speziell, dass man fast schon chemischen Dünger bräuchte, damit man die Route hochwächst. Vieles erfordert Einiges an Kraft und Technik, Manches ist schwer zu (be)greifen, aber alles ist es Wert, es auszuprobieren und sich daran abzukämpfen.


Rif d'Oriol. Hier müssen sich Bäume über den Felsen ergossen haben, man klettert hier wie auf Baumrinde

Ich habe den Eindruck, dass die kontinuierliche Konzentration beim Klettern in dieser Umgebung die Sinne schärft und die Seele stärkt, jeden Tag wird der Fels zugänglicher und lässt mich leichter gewähren.

Christian schont nach wie vor seinen Finger, und traut seinen Kräften noch nicht genug über den Weg, um die Herausforderung zu suchen. Die Kluft zwischen Bremse und Fortschritt führt zu Spannungen zwischen uns, die sich mit einem Seil nicht überwinden lassen. Die Stimmung ist daher nicht immer so stabil wie das strahlende Wetter, und die Luft manchmal zum schneiden.


“Das Grundrauschen wird leiser, die Sinne feiner”


Wir sind aber nach wie vor im Land, in dem Gott es sich mit einem Stück Baguette und Käse auf dem Mont Blanc bequem gemacht hat - wo könnte man also einem Streit und Missstimmung besser den Garaus machen als einfach das Tal hochzufahren, wo die dicke Luft mit jedem Höhenmeter mehr dünner wird, wo die Tannen auf kargen Schotterhängen wachsen, bunte Blumenwiesen sich über kilometerweite Weiden ergießen und das Bild von Flüssen und Schneekuppen gerahmt wird. Denn was das Auge erfreut, erfrischt den Geist und die Schönheit verbindet und zerstreut trübe Gedanken wie Wolken.


Gegend um den Mont Pelvoux

Die Kraft der grauen Giganten umfasst die Seele und stärkt auf eigentümliche Weise das Selbstbewusstsein, man wird ein Teil des Ganzen und ist als Mensch gleichzeitig so wunderbar unbedeutend, dass es schon fast ein Trost ist, dass man nicht alles beherrschen kann.

Und genau dieses Gefühl, nicht alles kontrollieren zu müssen und auch nicht zu wollen, wirft eine immer bedeutendere Perspektive auf die Umwelt und das Umfeld. Die innere und äußere Umgebung nähern sich einander an, und es ist klar, welche welcher folgt. Das Grundrauschen wird leiser, die Stille wird klarer, die Sinne feiner, die Welt kleiner.

Wir haben seit 4 Wochen weder Nachrichten gesehen, noch gelesen, hier gibt es also keinen Trump, keine Kriege, keine Wettervorhersage und keinen Tatort.


Freundschaft und Gesellschaft


Der soziale Austausch ist karg und entspannt, vervielfältigt durch erwartete Besuche von alten und unerwartete Begegnungen, die zu neuen Freunden werden - wie unser lieber Florian aus dem Donautal, mit dem wir wie erwartet mehr als nur ein Fußballspiel geschaut, sondern auch viele Bahnen im See, einige kontemplative Stunden verbracht und schöne Gemeinsamkeiten geteilt haben.


Chrissie, Anna & Florian

Die anonymen Freundschaften wirken sich ebenfalls positiv auf die Atmosphäre aus, die Franzosen sind einfach unfassbar freundlich, grüßen IMMER, selbst aus der Entfernung, und leben den nationalen Leitspruch “Liberté, Fraternité, Egalité” zumindest in den Hochalpen in vollen Zügen. Manchmal scheint es, als ob sie einem den Wunsch von den Augen ablesen können, noch bevor er den Kopf erreicht hat. Die Flexibilität und Hilfsbereitschaft beschränkt sich da nicht auf oberflächliche Auskünfte und hat internationale Gültigkeit, gerade dann, wenn unser Alberto beginnt, in Rätseln zu blinken und versucht, uns mit einer Kombination aus Partikelfilter- und Motorschaden-Lämpchen in die Irre zu führen. Aber die Franzosen der Werkstatt um die See-Ecke sind vertraut mit dem Kauderwelsch des alten Italieners und verstehen es meisterhaft, unsere Versuche, das Auto ins Französische zu übersetzen, richtig zu deuten. Nun haben sie die Blinklichter ausgemacht, einen Blick unters Auto geworfen und ein Reparatur-Rendezvous vereinbart, nach dem wir guten Gewissens werden weiterreisen können - zumindest bis auf Weiteres.

Wir fragen uns, immer wieder ob Dieses oder Jenes in Deutschland so möglich wäre und können uns viele Situationen so nicht vorstellen - dazu zählt nicht zuletzt die Tatsache, dass wir seit über einer Woche am See direkt neben dem Campingplatz kampieren, die öffentliche Toilette und fließendes Wasser nutzen, und sich niemand daran stört. Allein das Auto macht uns immer wieder Sorgen und ist Segen und Fluch zugleich - es bleibt spannend - über die WM hinaus. Wem wir übrigens den Sieg wünschen, dürfte inzwischen klar geworden sein. NOUS <3 LES FRANCAIS!

Heute und morgen verbringen wir die Zeit mit Schreiben, Waschen und WM auf einem Campingplatz in Ailefroide, einem Traumgebiet in direkter Umgebung von 4000ern - die Stimmung ist heute besser als das Wetter, am Himmel ist es heiter bis wolkig.


Chrissie hat sich als McGiver des improvisierten Wäschetrocknens bei Raumknappheit entpuppt. Hilfsmittel: Spannfix & Wanderstöcke.

Kürzlich bin ich über dem Halbbewusstsein aufgewacht, dass ich mir eine Rückkehr nach Hause nicht vorstellen kann, weil Zuhause überall sein kann. Vielleicht denke ich in ein paar Monaten anders darüber, aber “pour le moment” ist Zuhause wo das Herz ist.


Beaucoup des bisous,


Anna & Chrissie

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