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  • Anna Henschel

Panorama, Woche 7 + 8, Céüse/Eygliers/Le Rozier, Haute-Alpes/Occitanie, Frankreich

Woche 8 ist eigentlich viel zu heiß zum Schreiben, schon das 10-Finger-System überhitzt den Organismus. Da hilft nur die Erinnerung an Woche 7, wo man in Céüse am Abend gefroren hat und sich unter einer Daunenjacke verstecken musste.

Woche 7, Céüse

Die Zeit in Céüse, einem Klettergebiet, der das Herz von furchtlosen, zustiegerprobten und finger- und trittsicheren Heißblütern höher schlagen lässt, war einfach bezaubernd. Verbringt man dort die Zeit mit seiner besten Freundin in bestem Gemütsklima, ist es kaum zu übertreffen. Der Tagesablauf beginnt mit einem Kaffee in der Sonne und Gesprächen, die man lange nicht mehr geführt hat und auch nur mit einem besondern Menschen führen kann. Zum Fels geht man erst gegen 13 Uhr, davor hat man keine Chance gegen den großen heißen Ballon, der auf den Kalk prallt. Je nach Sektor braucht es über eine Stunde, bis man oben ist, pellt sich aus dem schweißdurchtränkten Shirt und legt es erst mal als Salzquelle für die unzählbaren Schmetterlinge auf den heißen Stein zum Trocknen. Katrin und ich waren bereits letztes Jahr dort und hatten schon damals beschlossen, den Mädelsurlaub in Céüse zu einer alljährlichen Tradition auszurufen. Wie stark die Tradition tatsächlich haften würde, wird uns wohl ewig in Erinnerung bleiben. Die Geschichte wiederholte sich nämlich bereits in der ersten Route, in der wir uns “warm klettern” wollten, eine “schöne 6b”, versicherte Katrin, “die dir sicher gefallen wird”. Ich kenne Céüse gut genug, um zu wissen, dass man trotz Kletterroutine erst einmal ganz kleine Brötchen backen muss, aber 6b ist schon drin, dachte ich. Ich steige ein, bin schon am 3. Haken recht gepumpt, schaue nach oben, sehe den nächsten Haken oben links, wundere mich etwas über den traversen Verlauf der Route, denke aber nicht viel nach, denn der Verstand ist da eher hinderlich, steige weiter, klippe, fürchte mich, kämpfe mit der Schwerkraft, hasse die Traverse, gehe weiter, Kopf und Schwerkraft machen mir zu schaffen, “das ist eben Céüse”, denke ich, aber ich bin nicht bereit, aus einer 6b rauszufallen, und so gehe ich weiter und hole mir das Top ab. Unten angekommen resümiere ich, dass ich die Route scheiße fand, bin aber happy, noch am Leben zu sein. Katrin steigt ein, wundert sich über den traversen Routenverlauf, kämpft mit Pump und Schwerkraft, der Kopf ist auch bei ihr am Anschlag. Nach erfolgreicher Besteigung schauen wir ins Topo (Kletterisch für “Kletterführer”) und hier erkennen wir history repeating at ist best: sind aus Versehen in einer 7a gelandet, wie das Jahr zuvor, als wir uns aus Versehen und falscher Routenzuordnung in eine 7b+ zum Aufwärmen geschnallt haben. Läuft.

Hätten wir uns denken können, denn es sind schließlich auch die gleichen Leute da wie letztes Jahr, die Besitzer des Campingplatzes immer noch genau so paranoid was Neuankömmlinge anbetrifft, die asap nach Ankunft zur Rezeption rennen müssen, um nicht unangenehm belangt oder gar angekeift zu werden. Wifi gibt es nur gegen Bares. Und so zieht sich das Jahr 2017 durch das Jahr 2018 wie ein roter Faden, der Unterschied ist jedoch, dass wir insgesamt noch viel mehr Spaß haben als im vergangenen Jahr und mit Abstand die lustigste Seilschaft sind, die die Kunst, dumme Sprüche am Fels zu kloppen, zur Perfektion gebracht hat. Und das selbst dann, wenn man ebenfalls in Perfektion beherrscht, sich in die miesesten Routen reinzubegeben, die einem entweder gar nicht liegen oder in denen man die Expressen (das sind die Sicherungsklipper, um die Route zu steigen, sich im Zweifel an ihnen hochzuziehen und lebend wieder runterzukommen) lassen muss, weil man ums Verrecken keinen Strom mehr hatte, um den letzten Zug bis nach oben zu schaffen. Richtig interessant wird es dann, wenn man zuvor so richtig ausgekühlt ist, weil gerade ein Gewitter durchgezogen war. In dem Fall wartet man 2 Stunden unter einem Felsdach, schärft seine Fähigkeiten, dumme Sprüche zu kloppen, am besten mit Gleichgesinnten, isst Ei, Salami, Käse und überhaupt 2/3 seines Proviants, raucht, drückt einen letzten dummen Spruch ab und begibt sich dann mit steifer Muskulatur ins Projekt, das inzwischen tatsächlich trocken geworden ist. Da hilft auch der dümmste Spruch nicht, am nächsten Tag geht es wieder rein ins Projekt, denn die Expressen hängen noch immer. Drum herum nichts zum Warmklettern frei, da hilft nur, gleich ran an die Buletten. Und manchmal, wenn die Schwerkraft gerade nicht hinschaut und gerade die Seilschaft daneben im Visier hat, gelingt einem fast der Durchstieg und man fragt sich wirklich, ob alles mit rechten Dingen zugeht.

Genauso viel wie wir am Fels gekämpft haben, genauso viel haben wir auch französisch gelebt, inklusive Premium-Gebäck aus der Patisserie, gegrilltem Lachs a la Daniel, Slapstick mit Christian und Michelle, Wein zum Vorteilspreis und gegenseitigem Haarekämmen am See, der offenbar noch kühl genug war, um sich keine Badedermatitis einzufangen, mit der uns Chrissie nach diesem sagenhaft schönen Mädelstrip in Empfang genommen hatte.


Woche 8 Eygliers / Gorge du Tarne


In Eygliers, wo Chrissie inzwischen seit 7 Wochen am Stück verweilt und bereits Fernweg bekommen hatte, muss die Wassertemperatur nämlich auf über 20 Grad gestiegen sein. Bei Wassertemperaturen über 20 Grad schwärmen die Larven von Saugwürmern aus den Schnecken ins Wasser aus, um wiederum Wasservögel zu befallen, sind Menschen aber auch nicht abgeneigt. Sie bohren sich in die Haut ein und hinterlassen überall rote Flecken und entsetzlichen Juckreiz.



Man sollte die Saugwurm-Party verlassen, wenn sie am schönsten ist, auch wenn es heißt, von Fabi Isa und Laure Abschied zu nehmen. Letztere haben wir sehnlichst erwartet, jedoch traf sie zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt ein, nämlich nicht nur zur Saugwurm-Hochsaison, sondern auch zum vorläufigen Höhepunkt der Sommerferien, die scheinbar gerade überall außer in Baden-Württemberg und Bayern stattfinden. Der See war voll von Würmern, keinen und großen Kindern, Kajak-Fahrern, Blesshühnern und einem undefinierbaren Film auf der Wasseroberfläche. Der Fels war voll von Klettergruppen, kleinen und großen Erwachsenen, lauten Franzosen und verwirrten Österreichern. Da hilft nur die Flucht nach Guillestre und alles an Annehmlichkeiten nutzen, was das Savoir Vivre zu bieten hat, inklusive Schweinereien aus der Patisserie, Premium-Salami und -Käse vom Feinkost-Mann inklusive Crash-Kurs in Tier- und Käse-Kunde (wer von euch kennt den Unterschied zwischen Brebis und Mouton, und wer weiß überhaupt, was ein Mouton von einem Bélier unterscheidet? Wer das ehrlich ohne Google hinbekommt, kriegt ne Postkarte) und einem Besuch in der Savonnerie von Emilie, der wohl bezauberndste Laden für Seife und Gedöns, den man sich vorstellen kann, mit einer mindestens genauso bezaubernden Emilie (https://www.lasavonneriedemilie.fr).

Eine solche Dekadenz kann man nicht wiederholen, die Magie gehorcht nur der Spontanität und währt nur eine kurze Zeit, Genießer wissen das.

Und so entschlossen wir uns, Chrissie und ich auf der einen und Laure auf der anderen Seite, auszuschwärmen und einen Ortswechsel zu vollziehen, wobei Laure sicherlich die bessere Entscheidung getroffen hat. Wahrend sie nämlich in Richtung Schweizer Alpen aufgebrochen ist, haben wir uns entschlossen, Thorrys Wunsch nachzugehen, im Blog auch mal was über Vögel, und nicht nur Kühe, Schafe und Murmeltiere berichten zu können - aber nicht, ohne eine kleine Anekdote über einen Esel, der mir nachts um 1 beim Pinkeln begegnet ist. Das Tier nähert sich, wir schauen uns an, er geht weiter. Ich frag mich, was zur Hölle…ich geh ans Auto, mach die Tür auf, suche Wasser, dreh mich um - und schaue dem Tier DIREKT in die Nüstern! Was zum Henker war in dem Ramazotti, frag ich mich? Passiert das gerade wirklich? Die Szene wiederholt sich ein paar Mal, so lange, bis mein Herz sich an de Schockzustand gewöhnt hat. Erst nach einer ausgiebigen Schmuseeinheit verlässt der Esel den Platz und ich falle selig ins Bett. Wenn ich mal groß bin, will ich auch einen. Muss nur noch Chrissie überzeugen, der seinerseits während meiner Abwesenheit ebenfalls einschlägige Erfahrungen mit einem besonders sturen Exemplar gemacht hatte, der ihm den Weg versperrte und keine Anstalten machte, zu weichen.

Um Thorry also den Gefallen der Abwechslung zu tun, sind wir nun dort, wo es Geier zu sehen gibt, nämlich in der Gorge du Tarn in Südfrankreich. Hier weht kein Wind, wüste klimatische Bedingungen, wie anscheinend gerade daheim in Deutschland, aber dafür gibt es ein wenig Schweiz bei Franziska und Andreas auf dem Camping “Les Peupliers” (http://camp-lespeupliers.fr/en/), der damit wirbt, auch Deutsch und Englisch zu sprechen. Er konnte aber genau so gut mit der Atmosphäre werben, die beiden sind so entspannt wie die Urlauber, die sie empfangen.



Wifi gibt es hier auch, und damit schließt sich der Kreis. Wifi macht zwar keinen Wind, aber schreiben und Websurfen ist erträglicher, als am Fels zu zerfließen, den man hier im Idealfall mit Stirnlampe nachts zwischen 2 und 5 Uhr beklettert. Erst gestern Abend haben wir uns nach der 7-stündigen Fahrt bei 37 Grad Innen- und Außentemperatur bereits auf dem Rückweg in die Alpen gesehen, heute sind wir jedoch zu träge für Phantasien und genießen die Vorzüge der Realität mit funktionierender Technik, Muttersprache und der Möglichkeit, zu duschen (Chrissie seht sich bereits seit 2 Wochen danach) und zu waschen. Heute Abend wagen wir einen kleinen Ausflug an den Fels.

Dort kreisen schon die Geier.

PS: Weil die letzte Zeit so voll von Leben und Erleben war, gab es kaum Raum für Fotos. Sorry…die nächsten kommen bestimmt...

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