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  • Anna Henschel

Warum schreiben?

Die Protagonisten unserer Zeit schreiben gegen das Vergessen. Jene, die gefangen sind, schreiben, um den Verstand nicht zu verlieren. Jene, die den Schrecken erleben schreiben, um vergessen zu können. Jene, die frei sind, schreiben über die Ereignisse der Freiheit in ihrem Leben. Und andere schreiben, weil sie nicht malen oder musizieren können und das Schreiben mitunter eine einfache und befriedigende Form des Selbtsausdrucks ist, auch wenn die Welt den Text aus literarischer Sicht vielleicht nicht braucht.

Warum schreibe ich? Die Antwort kam eines morgens wie eine Woge, durchströmte meinen Verstand und hinterließ Reste einer Klarheit, die ich nun versuche, aufzuschreiben.

Menschen treffen auf die Welt und vermischen sich mit ihr, hinzu kommt die Zeit, durch die sich alle Erfahrung bricht, wie eine Lichtreflexion, die etwas anderes wiedergibt als das was sie und das Licht ist.

Wenn Menschen auf Welt treffen, sich untereinander in den verschiedensten und zufälligsten Konstellationen, an allen uns möglichen Orten begegnen und sich in ihrer ganzen Fülle an Körpern, Gedanken, Gefühlen, Sprache und Erfahrung vermischen, entsteht in der Gegenwart ihres Zusammenseins etwas Neues, das anders ist als wir selbst und als die Welt, die alle unterschiedlich wahrnehmen. So pflanzen wir unsere Biographien fort: Unsere Wahrnehmung und unsere Eindrücke entstehen, wenn wir uns in einem Augenblick, in einer bestimmten Zeit und Konstellation aus Menschen, Emotionen, Orten und der Vermischung aus Gegenwärtigem Zustand und vergangener Erfahrung befinden. Nur diese Kraft der Gegenwart kann eine unauslöschbare Vergangenheit schaffen, die Zukunft aber kann es darin nicht geben.

Und weil dies der für mich interessanteste Aspekt unserer menschlichen Existenz ist - ein Augenblick, der sich aus so vielen verschiedenen Möglichkeiten herausgeschält hat - schreibe ich. Das Schreiben ist eine tief befriedigende Form des Ausdrucks des Verstandes und eine ästhetische Art, die Welt zu schrumpfen und zu ordnen, auch wenn die Welt das Wort nicht braucht.

Nicht jede dieser Möglichkeiten der menschlichen Erfahrung ist faszinierend, einige jedoch so sehr, dass ich sie aufschreibe. Es geht weniger um Augenblicke, die in meinem Leben entstanden sind, sondern um das Glück, diese Kostbarkeiten der Erfahrung von anderen, von meinen Freunden und Weggefährten, erzählt bekommen zu haben...

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