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  • Anna Henschel

Geister-g.schichten




Vielleicht ist es die Jahreszeit und die Weihnachtsauslage in den Supermärkten, die bei mir immer mehr das Bedürfnis nach Behaglichkeit, häuslicher Wärme, Geselligkeit und Beständigkeit schüren, zumal wir von Letzterem in Chulilla kaum etwas hatten: Wetter wie Stimmung waren trotz beständiger wie behaglicher Gesellschaft zumindest bei mir zu wechselhaft, um sich richtig wohl zu fühlen. Das änderte sich mehr oder weniger schlagartig mit dem Umzug nach Gandia: Allein das Klima war 100 km weiter südlich wie wir es uns um diese Zeit in Spanien erhofft hatten, die Luft getränkt mit der Feuchtigkeit des Meeres und leider auch mit den Pestiziden der Orangenhaine, in denen wir standen und die eigentlich nur Markus Nase erreichten.



Es waren aber nicht nur die Rosenheimer, die uns treu weiterbegleiteten, sondern auch die Dresdner mit ihrem fünf Monate alten Knirps, die bereits am Parkplatz anrollten, kaum dass wir unser erstes Abendessen beendet hatten. Nach einigen Startschwierigkeiten haben wir uns die folgenden Tage mit dem dortigen Fels angefreundet, auch wenn man sich in der Politur des Gesteins geradezu spiegeln konnte: Bei El Bovedon handelt sich um einen der ältesten Kletterfelsen in der Region, außer uns Narren und ein paar Locals kommt kaum jemand auf die Idee, sich dort nach oben zu fluchen. Aber wir waren ausgehungert nach Sonne und nahmen in Kauf, überhitzt zu klettern, was uns aber schnell in die Schranken wies. Zu den wunderbarsten Dingen dieser Reise zählt jedoch die Kombination aus flexibler Tagesgestaltung und klimaorientierter Wahl der Region, daher konnten wir einfach beschließen, spontan ans Meer zu fahren und dort den Rest des auch in Spanien immer kürzer werdenden Tages mit Yoga und Abkühlung zu verbringen - das Meer hat noch geöffnet, bei einer Wassertemperatur von ca. 20 Grad.



Wäre dies zur Routine geworden, hätte mir das trotz eingeschränkter Kletterdauer bestens getaugt, insbesondere in Verbindung mit dem Abendprogramm, das wir in Dauerkontakt mit den Rosenheimern gemeinsam gestalteten. Google sei dank mit abwechselnden Angaben der jeweiligen Koordinaten, je nach dem, wer den schöneren Standplatz zum Übernachten entdeckt hat. So landeten wir immer wieder direkt am Strand, unter Palmen oder deutschen Rentnern, die bereits vor Jahren hinter den Dünen ihre Fußmatten vor dem Camper ausgelegt haben und seither ihren Lebensabend im knirschigen Sand und kitschigen Sonnenuntergang erleben. Nach Deutschland geht es nur zum TÜV.



Trotz beständiger Kontakte und Tagesgestaltung ist kein Tag wie der andere. Sich auf die Gegebenheiten einzulassen, die man vorfindet, gehört inzwischen zur Routine und verlangt einem nicht mehr so viel ab. Die Unruhe schwindet, die Gelassenheit nimmt zu, insbesondere seitdem wir hier in Tárbena angekommen sind, im Haus von Christians Freund Johannes: eine Gegebenheit, ja vielmehr Ereignis, auf das ich mich nicht etwa eingelassen habe, sondern das mich spontan völlig eingenommen und in mich eingedrungen ist. An Chrissies emotionaler Bindung arbeiten wir an anderen Fronten: sobald es abgetrocknet ist, schwingen wir uns die örtlichen Felsen hoch, möglicherweise erschließt sich das eine oder andere Herzensprojekt, das seit der Yerba Mate auf sich warten lässt.



Anders als ich braucht Christian kaum Abwechslung, keinen urbanen Ausflug, kein Nest, noch nicht mal variierte Küche: Klettern, Yoga, Bratkartoffeln, Bus, wochenlang. Genügsamkeit, die ihresgleichen sucht. Und obwohl die Bedürfnisse in verschiedene Richtungen driften, könnten wir uns kaum besser verstehen als derzeit. Vielleicht ist es aber auch die Balance zwischen Obwohl und Deshalb: enger Raum erfordert einen ausgewogenen Zustand aus Abstand und Nähe.


Das Haus in Tárbena


Wir waren nun viel unterwegs, draußen Zuhause, und haben viele Geschichten gehört und erlebt. Aber wohl nirgends verdichtet sich ein Leben so sehr wie in einem Haus. Darin findet man geradezu den Inbegriff von Schichten eines Menschenlebens: verborgen unter jahrelanger Starre, und wiederbelebt durch das Angebot von Johannes, bei Bedarf das spanische Haus seiner Mutter zu beziehen, die dort bis kurz vor ihrem Tod ihre letzten Spuren hinterließ. Der Bedarf ergab sich aus einer miesen Wetterprognose und dem Umstand, dass wir ohnehin in die Gegend wollten und sich im Umkreis von 20 Kilometern ein wahres Kletter-Eldorado präsentiert.

Dass die Schichten dieses Hauses mich unter sich begraben würden wusste ich noch nicht, als uns die ältere, nette Nachbarin von nebenan mit einem unerwartet kräftigen Ruck gegen die widerspenstige Haustür hereinließ. Johannes’ Mutter und ich haben uns viel zu sagen, in einer Sprache, die ich bislang so noch nie angewendet habe. Sie spukt im Haus herum und legt mir immer wieder Dinge vor die Füße, die ich davor noch nicht gesehen habe: Mit jedem Blick auf den gleichen Ausschnitt entdecke ich immer wieder etwas neues. Das Haus ist ein wahres Antiquariat an Möbeln, vor allem Büchern, tausenden von Büchern, und allerlei schönen Dingen, deren Komposition mein ästhetisches Empfinden sehr berührt, die ich so auch hingestellt hätte, mit denen ich mich auch beschäftigt hätte.




Es ist ein Haus, in dem die Vergangenheit eines gehaltvollen wie geordneten Geistes unter unserem staunenden wie bewundernden Auge wiederauflebt. Mit jeder Entdeckung, die sich beim immer gründlicheren Putzen zeigt, offenbart sich auch ein Stück der Besitzerin und setzt sich zu einem vergilbten Puzzle zusammen, das einen selbst mit einbezieht und bis zu Selbstvergessenheit einnimmt. Dieses edle, ein wenig düstere Haus mit seinen Schätzen und Geheimnissen geht mir durch Mark und Bein, am liebsten würde ich mich hier einigeln, es über unsere gegenwärtigen Möglichkeiten hinaus hegen und pflegen: die Holzwürmer zum Teufel jagen, den Putz im Eingangsbereich renovieren, einen Spritzschutz vor der Haustür installieren, damit sich das Wasser bei Regen nicht unter der Tür seinen Weg nach Innen sucht, den Dachboden entrümpeln…aber das Haus ist unserer Zeit voraus, wir sind dafür noch nicht reif, die Welt hier ist eine gänzlich andere als die, die wir nun seit Monaten bewohnen, sie steht still während wir uns immerzu bewegen. Inzwischen habe ich den Eindruck, unser Besuch dient nicht der Flucht vor dem schlecht gelaunten Wetter, sondern dem Zweck, dass dieses Haus sei 7 Jahren wieder auf Menschen trifft und sich erinnert wie es ist, zu leben - und wir uns erinnern, wie es ist, zu bleiben.



Mona und Johannes, ganz besonderen Dank für diese ungeahnte wie wertvolle Perspektive und Auszeit, die so unerwartet kam wie sie Spuren hinterlässt, die wir auf unserem weiteren Weg mitnehmen.

Selbst bis hierhin hat sich die Gemeinschaft von Chulilla konstant gehalten, ja hat sich gar noch mehr gefestigt, und ist sogar um Rupi gewachsen, den wir in Chulilla nur sporadisch getroffen hatten. Die Umstände der Zeit werden uns demnächst wieder auseinandertreiben. Die Erinnerung an eine besondere Zeit jedoch, in der so verschiedene Charaktere ihr Leben für eine kurze Zeit miteinander geteilt haben, wird aber unweigerlich für immer mit diesem besonderen Haus verbunden bleiben. Sehr spanisch....


Tausend Dank euch für diese Erinnerungen, Tina, Markus, Pirmin und Rupi!


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